Arbeitswissenschaftliche Empfehlungen

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Wissenschaftlicher Stand / Empfehlungen >> Dauer und Verteilung der Arbeitszeit >> Empfehlungen

Empfehlungen


Tägliche Arbeitszeit


Wochenarbeitszeiten

Arbeitszeit über größere Zeiträume

Arbeitspausen

TÄGLICHE ARBEITSZEIT:

Vermeidung überlanger täglicher Arbeitszeiten.

Konkrete Empfehlungen:

  • Einhaltung eines 8-Stunden Arbeitstages; Überstunden vermeiden
  • Die reguläre Schichtlänge sollte an die Arbeitsbelastung gekoppelt sein. Falls die tägliche Arbeitszeit verlängert werden soll, muss der Verlängerung unbedingt eine belastungsbezogene Bewertung vorausgehen und zwar durch eine objektive Einschätzung der Arbeitsbelastung nach Art und Intensität


Tägliche Arbeitszeit und Ermüdung

Wenn die tägliche Arbeitszeit häufig mehr als 8 Stunden beträgt, besteht schnell die Gefahr, dass sich die Gesamtbelastung unzumutbar anhäuft. Das Problem dabei ist, dass die arbeitsbedingte Ermüdung gegen Ende der Schicht deutlich stärker zunimmt (exponentielle Zunahme der arbeitsbedingten Ermüdung). In der 10. Stunde einer Schicht muss man sich deutlich mehr anstrengen als in der 2. Stunde, wenn man die gleiche Leistung in Qualität und Quantität erbringen will. Im Gegensatz zu einer Maschine ist der Mensch ein biologisches, rückgekoppeltes System und kann nicht auf Dauer eine bestimmte Leistung ohne negative Beeinträchtigungen, z.B. Ermüdung erbringen.

Untersuchungen belegen, dass die häufige Verlängerung des Arbeitstages über 10 Stunden hinaus sowohl im gesundheitlichen als auch im Leistungsbereich zu Beeinträchtigungen führt (Nachreiner, 2005).



Eine Erklärung ist eine Aufschaukelung von Ermüdung im Verlauf der Arbeitswoche bzw. der Arbeitsperiode, die durch lange Arbeitstage einhergehend mit einer in der heutigen Zeit geforderten hohen Arbeitsintensität hervorgerufen wird. Die Mitarbeiter erholen sich von einem Arbeitstag bis zum nächsten Arbeitstag nicht mehr vollständig, das Wochenende muss dann hauptsächlich zur Regeneration genutzt werden.

Tägliche Arbeitszeit und Unfallrisiko
Einige Untersuchungen belegen, dass das Fehler- und Unfallrisiko nach 8-9 Arbeitsstunden exponentiell ansteigt (Akerstedt, 1995; Folkard, 1996; Hänecke et al. 1998; Nachreiner, 2002). Selbst ein Ansteigen des Risikos für tödliche Unfälle in Abhängigkeit der täglichen Arbeitszeit lässt sich nachweisen (Akkermann & Nachreiner, 2001).


Einführung längerer Schichtzeiten
Von einer unkritischen Einführung langer Schichtzeiten (z.B. 10- oder 12-Stunden) ist dringend abzuraten. Eine Verlängerung der täglichen Arbeitszeit sollte nur in Betracht gezogen werden, wenn die körperliche und psychische Arbeitsbelastung bekannt ist. Zudem sind die MAK-Werte (max. Arbeitsplatz-Konzentration von z.B. chemischen Substanzen) auf der Basis von 8 Stunden berechnet. Da nicht eindeutig geklärt ist, ob ein Anstieg des Risikos bei einer Verlängerung der Arbeitszeit linear oder exponentiell ist, muss dieser Gesichtspunkt im Auge behalten werden. Die Frage, die sich hier stellt, ist: Kann die gegebene Tätigkeit über den gesamten Arbeitstag hinweg (z.B. 10 oder 12 Stunden Stunden) forderungsgemäß und ohne negative kurzfristige, längerfristige Folgen (Beeinträchtigungen, Schädigungen) durchgeführt werden? Eine sorgfältige Prüfung und Abwägung der Vor- und Nachteile gerade auch im Hinblick auf Gesundheit und Sicherheit muss daher sein!

WOCHENARBEITSZEITEN:

Vermeidung überlanger Wochenarbeitszeiten und Arbeitsperioden.

Konkrete Empfehlungen:

  • Einhaltung einer max. 40-Stunden-Woche
  • Max. 5 Arbeitstage hintereinander
  • gleichmäßige Wochenarbeitszeiten planen


Wochenarbeitszeit, Gesundheit und psychosoziales Wohlbefinden

Mehrere Untersuchungen (Nachreiner, 2005; Wirtz, 2009)
belegen einen deutlichen Anstieg körperlicher und psycho-vegetativer Beschwerden mit der Dauer der wöchentlichen Arbeitszeit.
Ältere Beschäftigte merken eher, dass eine Massierung von Arbeitszeit anstrengend ist und sie nach solchen Phasen mehr Erholungszeit brauchen. Von längeren Freizeitblöcken bleibt da manchmal wenig übrig. Lange Arbeitsblöcke reduzieren das Familienleben, soziale Aktivitäten und die Freizeit auf ein Minimum.


Entscheidend ist nicht nur die Wochenarbeitszeit in der Summe, wichtig ist auch die Verteilung derselben Menge an (wöchentlicher) Arbeitszeit (Folkard, 2005). Die Untersuchungen zeigen, dass das Risiko von Fehlhandlungen unter unterschiedlichen Verteilungsplänen (unterschiedliche Schichtlängen und Schichtarten bei gleicher Wochenarbeitszeit) unterschiedlich ist.

Gleichmäßige Wochenarbeitszeiten
Durch Ausgeglichenheit in den Wochenarbeitszeiten und damit auch den Wochenfreizeiten werden Belastungs- und Erholungszeiten gleichmäßiger verteilt. Damit wird eine massierte Belastung wie auch eine zu starke biologische und soziale Desynchronisation für einen längeren Zeitraum vermieden. Auf der anderen Seite werden die langen Erhol- und Freizeiten, die sich bei ungleichmäßigen Wochenarbeitszeiten ergeben, von vielen, insbesondere jüngeren, Mitarbeitern geschätzt.

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Arbeitszeit über größere Zeiträume (Monate, Jahr, Lebensarbeitszeit):

Konkrete Empfehlungen:

  • Aus ergonomischer Sicht sollte es nicht zu einer Massierung von Arbeitszeit über längere Zeiträume kommen. Belastungs- und Erholungszeiten sollten auch über größere Referenzzeiträume gleichmäßig verteilt sein.
  • Generell ist Vorsicht geboten, denn es bestehen erhebliche Forschungsdefizite, wenn es um größere Referenzzeiträume (Jahres- und Lebensarbeitszeit) geht.


Das Gesamtvolumen von Arbeitszeiten alleine (für welchen Bezugszeitraum auch immer) stellt im Prinzip noch keinen hinreichenden Parameter zur Abschätzung der Gefährdung dar, es kommt dabei auch auf die Verteilung der Arbeitszeit über diesen Zeitraum an (Nachreiner, 2008). Dies betont noch einmal die Bedeutung der Referenz- oder Ausgleichszeiträume, wobei längere Ausgleichszeiträume prinzipiell größere Massierungen von Arbeitszeiten in bestimmten Zeiträumen erlauben, die dann in anderen Zeiträumen durch Massierung der arbeitsfreien Zeit ausgeglichen werden. Die Auswirkungen solcher unterschiedlichen Verteilungen der Arbeitszeit sind insbesondere für größere Referenzzeiträume, z.B. Jahres- oder Lebensarbeitszeiten bisher kaum erforscht, wobei in der Praxis gehandhabte Modelle wie Altersteilzeit implizit offensichtlich von einem Verschleißprozess ausgehen. Hier besteht noch Forschungsbedarf, da hierzu bislang keine gesicherten arbeitswissenschaftlichen Erkenntnisse vorliegen.

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ARBEITSPAUSEN:

Einhaltung des ergonomischen Prinzips: Pausen zur Vermeidung statt zur Kompensation von Ermüdung.

Konkrete Empfehlungen:

  • Mehr als eine organisierte Pause fest einplanen
  • Zusätzliche frei wählbare (Kurz-)Pausen ermöglichen
  • Pausen müssen auch genommen werden (können)!
  • Mehr als nur die gesetzlich vorgeschriebenen Pausen bei langen täglichen Arbeitszeiten / Schichten


Verlauf des Erholungswertes von Pausen

Unter einer arbeitswissenschaftlichen Perspektive dienen Pausen der Vermeidung von Ermüdung sowie zur Erholung von den Folgen der vorausgegangenen Arbeitsbelastung (Rutenfranz et al, 1993). Der Erholungswert ist im ersten Teil einer Pause erheblich größer als in späteren, gleich langen Abschnitten. Daraus ergibt sich, dass es unter Erholungsgesichtspunkten sinnvoller ist, statt einer langen, viele kurze Pausen zu machen. Karrasch & Müller (1951) haben dies bei schwerer körperlicher Arbeit am Fahrradergometer anschaulich demonstriert. Bei gleichem Arbeits-/Pausenverhältnis (von 2:3) war die Versuchsperson bei 5-minütiger ununterbrochener Arbeit und 7,5‑minütiger Pause nach insgesamt 10 Minuten Arbeit erschöpft, bei 2-minütiger Arbeit und 3-minütiger Pause konnte die Versuchsperson dagegen bis zur Erschöpfung immerhin 24 Minuten arbeiten. Bei 0,5 Minuten Arbeit und 0,75 Minuten Pause konnte die an sich sehr schwere Muskelarbeit innerhalb erträglicher Grenzen (unterhalb der Dauerleistungsgrenze) gehalten werden; sie wäre in dieser Form, wie an der Auslenkung der Pulsfrequenz erkennbar, über eine ganze Schicht durchführbar gewesen. Das diese Forderung in der Praxis so nicht konsequent umgesetzt werden kann, ist klar. Der Arbeitende braucht auch mal längere Zeit zur Nahrungsaufnahme und Pflege sozialer Beziehungen zu Kollegen. Gleichwohl kann aus dieser Studie abgeleitet werden, dass die (körperliche) Beanspruchung über die Arbeitsschicht dann eher in vertretbaren Grenzen gehalten werden kann, wenn die Arbeitszeit nicht lediglich durch eine einzige größere Pause, sondern durch mehrere sinnvoll über die Arbeitsschicht verteilte Pausen unterbrochen wird.

 

 

Downloads und Tools

Checkliste
Schichtplan [PDF]
Online-Check Schichtarbeitende
[ONLINE-TOOL]
Checkliste 12-Stunden-Schichten
[PDF]

Kontakt

Prof. Dr. Friedhelm Nachreiner

Postanschrift
GAWO e.V.
Achterdiek 50
26131 Oldenburg
Tel: 49 (0)441 21719445
Fax: 49 (0)441 21719446